letzter Teil
ad 4: Neben den osmotischen Grundfunktionen, deren Störung zentrales pathophysiologisches Element der hydrogenoiden Konstitution ist, hängt es v.a. vom Tonus und der Dynamik der Blut- und Lymphgefäße ab, ob die Feuchtigkeit in notwendiger Weise bewegt wird.
Impulsgeber der Säftebewegung ist die Wärme des Blutes. Das bedeutet, dass die Wärmequalitäten der Säfte selbst der treibende Faktor der sie bewegenden Organe ist. Damit wird erkennbar, dass die Säftebewegung eng mit dem in Punkt 1 beschriebenen Fähigkeit zur Produktion physiologischer Wärme verknüpft ist. Die dort beschrieben Stimulation des Wärmeprinzips ist damit entscheidender Therapieansatz, um die Säfte ‚in Fluss‘ zu bekommen.
Wärmemangel bei gleichzeitig übersteigertem Feuchtigkeitsprinzip ist das zentrale pathophysiologische Thema sowohl der plethorischen, als auch der hydrogenoiden Konstitution. Bei der plethorischen Konstitution bedingt Tonusmangel im venösen Schenkel des Blutkreislaufes passive Blutstauung in diesem Bereich. Bei der hydrogenoiden Konstitution bestehen Defizite im aktiven (=energiezehrenden) Aufbau der Differenz der Natrium-Konzentration als Voraussetzung für die osmotische Feuchtigkeitsbewegung.
Daher sind die iridologischen Erkennungsmerkmale dieser beiden Konstitutionen auch Hinweis auf Stagnation der Feuchtigkeitsbewegung:
Die plethorische Konstitution erkennt man an einer generell oder sektoral erweiterten (ektasierten) Krausenzone, die mehr als ¼ der Gesamtbreite der Iris einnimmt und/oder an Transversalen, unabhängig von deren Lokalisation. Auch leicht aberate Fasern sind bereits Hinweis auf Stauungszustände.

Bildbeschriftung: Konstitutionelle Merkmale: Melanchologen (carbonitrogenoid), plethorisch, lymphatisch-hypoplastisch. Sektorale Erweiterungen einer stark abgedunkelten Krausenzone, Transversale durch den Milzsektor, Aberate Fasern im Urogenital-Sektor und bei 12:00; Wolkige Verschmierung der Blut-Lymph-Zone zwischen 10:00 und 2:00.
Die Erkennungsmerkmale der hydrogenoiden Konstitution sind im blauen Auge und Mischiriden flächige nebelartige Phänomene oder Wolken in der mittleren Ziliarzone.

Bildbeschriftung: Konstitutionelle Merkmale: Hydrogenoid, plethorisch. Flächige Wolken in der mittleren Ziliarzone, sehr weite, dunkle Krausenzone
Im sanguinogenen (hämatogenen) Auge wird die hydrogenoide Konstitution durch flächige Aufhellung (wie ‚abgeschabtes‘ Leder) erkennbar, das häufig auch wie eine flächige milchige Verschmierung unter den braunen Pigmenten aussieht.

Bildbeschriftung: Konstitutionelle Merkmale: Hydrogenoid, lymphatisch-hypoplastisch, gastrisch auf sanguinogener Basis. Flächige milchige Aufhellungen in der gesamten Ziliarzone.
Beispiele bewährter Konstitutionsmittel bei plethorischer Konstitution: Linaria off., Achillea millefolium; Sulfur D6; Nux vomica D6
Beispiele bewährter Konstitutionsmittel bei hydrogenoider Konstitution: Natr. mur. D6; Natr. sulf. D6; Thuja D4; Dulcamara D4
(jeweils ohne Anspruch auf Vollständigkeit!)
ad 5: Überschüssiges Phlegma, das nicht verwertet werden kann, muss mangels eines physiologischen Ausscheidungsorgans ersatzweise als Katarrh über Schleimhäute, oder als Ekzem über die Haut eliminiert werden. Ist das Phlegma zusätzlich mit Schärfen verunreinigt, wird in der Symptomatik häufig die ‚milde‘ Qualität des Phlegmas mit der Qualität der Schärfen überlagert (= Kakochymie): Gelbgallige (hitzige) Schärfen führen u.a. zu akuten Entzündungssymptomen mit Rötung, Brennschmerz, pulsierenden, neuralgischen Schmerzen und Hyperkinese. Pigmentfarben in der Iris: Hellbraun, gelb, strahlendes Weiß, evtl. auch orange.
Schwarzgallige Schärfen bedingen Chronizität, Degeneration, zähe, trockene Sekrete und Hypokinese. Pigmentfarben in der Iris: Schmutziges Braun, ocker, grau, schwarz, Schnupftabakpigment.
Eine stark pathologische Weiterführung der kompensatorischen Ausscheidung ist die Vikariation auf seröse Häute, insbesondere auf die Gelenkkapseln (rheumatischer Formenkreis). Dort besteht fatalerweise aber keine Abflussmöglichkeit nach außen. Daher haben die nach ‚innen‘ vikariierten Krankheitsprozesse wesentlich größere pathologische Bedeutung für den Gesamtorganismus als die Oberflächenkrankheiten.
Irisdiagnostisch ist die Neigung zu Ersatzausscheidungen an Flocken und Tophis in der Zone der mesenchymalen Ausgleichsfelder, vor dem Ziliarrand erkennbar. Dieser ‚Tophikranz‘ ist in logischer Konsequenz auch Erkennungsmerkmal der katarrhalisch-rheumatischen Konstitution. Aber auch die lymphatisch-hyperplastische Konstitution zeigt bereits angedeutete Tophi vor dem Ziliarrand.

Bildbeschriftung: Konstitutionelle Merkmale: Hydrogenoid, katarrhalisch-rheumatisch, oxygenoid auf lymphatischer Basis. Viele gelbgallige Pigmente.Die Flocken sind teilweise in der mittleren Ziliarzone, teilweise am Ziliarrand: Hydrogenoide Konstitution mit Neigung zu Ersatzausscheidungen.
Beispiele bewährter Konstitutionsmittel bei katarrhalisch-rheumatischer Konstitution:
Scrophularia nodosa; Viola tricol.; Sarsaparilla; Phytolacca D4; Clematis D4
Autor:
Friedemann Garvelmann
humores@posteo.de
Literatur:
1. Garvelmann / Raimann: „Humoralmedizinische Praxis“, Band 1 & 2; 2. erweiterte Auflage; Bacopa-Verlag (2018)
2. Garvelmann: „Konstitutionsmedizin“; Bacopa-Verlag (2018)
3. Raimann, C. et al.: „Grundlagen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde“, 2. Auflage, Bacopa-Verlag (2013)













Bild1: Deutliche Abdunkelung und Ektasierung der Krausenzone zwischen ca. 2 und 5:30 Konstitutionelle Merkmale: Lymphatisch-neurogen, plethorisch, hydrogenoid. Cholerische Schärfen
An diesem Punkt eine kleine Zwischenbemerkung: Wir müssen uns von der Vorstellung monokausaler Ursache-Wirkungsprinzipien lösen. Diese Simplifizierung ist in einer systemischen Medizin (wie der TEM / TEN) nicht haltbar. Gerade die chronischen Krankheiten basieren immer auf multiplen Ursachenkomplexen. Einen Störfaktoren kann ein konstitutionell stabiler Organismus immer „wegstecken“, das heißt, er kann ihn kompensieren. Erst wenn mehrere Störfaktoren zusammenkommen, bricht die systemische Steuerung zusammen und es entwickelt sich das, was wir als Krankheit bezeichnen. In diesem Sinne spielt die Milz häufig die Rolle eines Co-Faktors im pathophysiologischen Geschehen. Sie ist ein Mosaikstein im Krankheitsprozess, tritt aber selbst nur selten in gravierender Weise in Erscheinung. Außer bei einigen Malognosen, dem Pfeiffer’schen Drüsenfieber und einigen anderen Infektionskrankheiten bei denen eine Splenomegalie besteht, ist die Milz ein eher „stilles“ Organ, das wenig Beschwerden bereitet, vielleicht mal Seitenstechen als Zeichen einer Milzkapselspannung. Wahrscheinlich schenkt man ihr deshalb nur so wenig Beachtung. Nach schulmedizinischer Lehrmeinung kann ein Mensch problemlos auf die Milz verzichten. Deshalb wird sie bei Erkrankungen oder Ruptur auch recht kritiklos operativ entfernt, was im Übrigen die einzige schulmedizinische „Milztherapie“ ist… Es ist richtig, dass ein Mensch zwar ohne Milz leben kann – aber häufig auf Kosten der Lebensqualität. Andere Organe – v. a. die Leber und Nieren – sind in der Lage, Milzfunktionen zu kompensieren. Aber 100 %-ig ist diese Kompensation in der Regel nicht. Daher entwickeln sich nach Splenektomie häufig auch Probleme des gesamten melancholischen Formenkreises in allen möglichen Bereichen und Ebenen des Organismus, für die Sie nach dem Lesen dieser Arbeit nicht nur Erklärungen, sondern auch therapeutische Ansätze kennen werden.
