Autor: Dieter Poik

  • Bogenschießen aus der Mitte in die Mitte

    Bogenschießen aus der Mitte in die Mitte

    „Mit einem Pfeil kannst Du nicht zwei Ziele treffen“ – (Sprichwort)

    In der Ausführung des Bogenschießens begegnen wir im wahrsten Sinne des Wortes un-terschiedlichen Dreh- und Angelpunkten von Wirkkräften, um deren Gleichgewicht wir auch im Alltag ringen. Um mit einem Pfeil ein gewähltes Ziel zu erreichen, bedarf es ei-ner sicheren Verankerung, einer zentrierten Vertikalachse, einer inneren Sammlung und Ausrichtung, einer kontrollierten Spannung und eines ruhigen Lösens derselben. Die Meis-terschaft all dessen in einem fließend ineinander über Gehen kommt aus der Auseinan-dersetzung mit und der Beherrschung von all diesen Kräften in uns selbst.

    Die Verankerung (elementares Wasser)
    Die Verbindung der eigenen Wurzeln mit dem Boden ist das Abbild der Sicherheit im ei-genen Stehen. Aus dem in sich Ruhen kommt die Kraft, die von dem, worin wir verwur-zelt sind, durch Beine und Wirbelsäule nach oben gezogen wird und darin das Säulenhafte der Wirbelsäule, das stabil Tragende herausbildet. Es verkörpert, von oben betrachtet, den Mittelpunkt des Mandalas, von dem aus wir, in dem uns zu Verfügung stehenden Ma-ße, unsere Kräfte in die Peripherie lenken und nach außen Wirksamkeit entfalten können, ohne dabei unser Gleichgewicht zu verlieren.

    Das Vertrauen in die Macht unseres eigenen Standes errichtet dabei in uns einen Ruhepol, der jedwede Spannung, Emotion, Aufregung, Angst und Streben ausreichend zu kontrol-lieren vermag, sodass wir unserem Wirken eine Ausrichtung zu geben vermögen, in wel-cher sich unsere eigene Mitte im zu erreichenden Ziel widerspiegelt.

    Der fliegende Pfeil trägt in seiner Flugbahn die Ruhe der Verwurzelung mit unserem Standpunkt mit sich.

    Die vertikale und die horizontale Achse (elementare Erde und elementarer Äther)
    Wie bereits erwähnt, erhebt sich vom Boden aus die Zentralachse unseres Körpers, die Wirbelsäule getragen von unseren Beinen. Von ihr aus gehen sowohl Nerven als auch Muskeln in die Peripherie, wirken in den Handlungsspielraum, der sich um dieses Zent-rum dreht. Das koordinierte Zusammenspiel unterschiedlicher Spannungsmuster gibt uns die Möglichkeit, uns auf vielfältige Art und Weise in der Welt zum Ausdruck zu bringen, unterschiedliche Haltungen einzunehmen, Tätigkeiten auszuführen in einem Maße, bei dem wir weder Stand noch Gleichgewicht verlieren. Ein zu weites Hinausreichen über unsere Grenzen, ist in diesem Sinne gleichbedeutend damit, Beherrschung und innere Ruhe zu verlieren. Die Zentrierung ist ein Abbild der eigenen Mitte, des eigenen schöpfe-risch tätigen ICHs, aus dem heraus wir wirksam werden. In angemessener Haltung be-wahren wir den Kontakt zwischen diesem ICH und unserem Handeln und können das Eine auf das Andere beziehen. „Das war ich, der/die hier tätig war und das, was ich geschaf-fen habe, ist ein Abbild meiner Selbst, in dem ich mich wieder finde und erkenne mit all meinen Stärken und Schwächen, dem mir Bewussten und entdecke das mir noch nicht Bewusste.“

    Diese Verbindung zwischen Achse und Peripherie ist die Voraussetzung für Selbstsicher-heit und Eigenverantwortung, da die Ergebnisse unserer Ideen, unseres Entscheidens, Ausrichtens und Handelns klar mit uns selbst verbunden bleiben.

    Die Achse des gespannten Bogens zischen unseren Händen ist die Horizontale, die mit der Vertikalen ein Kreuz bildet, das Abbild des aufgefalteten Würfels, welcher Ausdruck ist für eine geerdete Stabilität, die imstande ist, große Spannungen im Gleichgewicht zu halten.

    Die Klarheit, die in dieser Haltung zum Ausdruck kommt, bildet sich in der Stabilität des Pfeilfluges ab.

    Innere Sammlung und Ausrichtung (elementares Feuer)
    Den eigenen Geist zur Ruhe zu bringen, ist die nächste Herausforderung. Da beim intuiti-ven Bogenschießen keine Zielvorrichtung benützt wird und beide Augen geöffnet bleiben, ist das Zielen weniger ein aktives, sondern eher ein sich Einschwingen auf die Mitte des Ziels. Dies ist eine Tätigkeit des Herzens, der Verkörperung des Zentrums, die sich in der Sonne als Zentrum des planetaren Systems ebenso zum Ausdruck bringt wie im Zellkern als Zentrum der Zelle und in der Pupille als Zentrum des Auges, in der Synkope des Atems oder des Herzschlags als Innehalten im rhythmischen Fluss. Diese Ausrichtung ist in ebensolchem Maße eine innere, wie es im Richten des Pfeiles auf das Ziel eine äußere ist. Der/die geübte BogenschützIn spürt, ob der Pfeil sein Ziel erreicht, sobald er die Sehne verlässt. Es ist die Verbindung von der Mitte des Herzens zur Mitte des Zieles, die entweder besteht und nicht durch den Bewegungsablauf, noch durch eine Ablenkung des eigenen Fokus gestört wird, oder eben nicht.

    Der Flug des Pfeils, in welcher die innere Mitte die äußere sucht, ist in diesem Sinne der Ausdruck dieser Verbindung.

    Spannung und Lösung (elementare Luft)
    Das Aufbringen von Kraft, die den Bogen spannt, geschieht, wenn die zuvor erwähnten Voraussetzungen geschaffen sind, aus einer ruhigen Leichtigkeit heraus, ohne Zittern – die Stärke des Bogens sollte dafür natürlich der physischen Kondition des/der Schützen/in entsprechen – und ohne Wanken. Der Pfeil ruht dabei zwischen Sehne und Bogen, die wiederum zwischen der Horizontalen der Arme aufgespannt sind. Verwurzelung, aufge-richtete Mitte, innere Zentriertheit, welche in die fokussierte Spannung einfließen, lösen sich schließlich und gehen über in ein vertrauendes Entlassen, das in ein entspanntes Nichts – Tun einmündet. Wir vertrauen den Flug des Pfeiles etwas an, das sich nun unse-rer Kontrolle entzieht, nachdem wir zuvor alles uns Mögliche getan haben, das sich im Folgenden darin zeigt, in welcher Art der Pfeil von der Sehne geworfen seine Bahn be-schreibt und aus der Verbindung mit uns in die Verbindung mit dem Ziel geht.

    Der Pfeil ist damit Abbild des von uns Entlassenen, des der Welt Geschenkten, das nun jenseits von uns sein Wirken entfaltet und darin sichtbar macht, von wessen Sehne es geschnellt ist und wes Geist es geschaffen hat.

    Bogenschießen ist so betrachtet, eine Übung in bewusster Kontaktaufnahme mit der eige-nen, einzigartigen Identität und im Loslassen all dessen, was Identifizierung ist. Das Eine entsteht im Einfließen des ICH-Wesens ins Ich-Bewusstsein, das andere durch die Be-fürchtung des Egos, nicht gut genug zu sein und dem Bestreben, Eigenschaften Anderer zu entwickeln, die es für besser hält.

    Zum Abschluss noch eine kleine Geschichte
    Mullah Nasruddin, ein Till Eulenspiegel des Orients, ging mit seinen Schülern spazieren und kam dabei an einem Rummelplatz vorüber. Zielsicher steuerte er den Bogenschieß-stand an mit den Worten: „Ah, hier lässt sich trefflich Theorie mit Praxis verbinden!“

    Er nahm den ersten Pfeil, zielte und … verfehlte das Ziel um Längen. Schnell hatte sich eine Menge von Zuschauern um die kleine Gruppe geschart, die schon des Öfteren Ziel der Streiche von Nasruddin geworden waren, um vielleicht beizuwohnen, wie dieser sich nun lächerlich macht.

    Die Schüler wurden nervös, da ein Fehlen des Meisters ja auch auf die zurückfallen wür-de, die ihm folgten. Die Menge lachte ob des Versagens des Mullahs, doch dieser wandte sich mit folgenden Worten an sie: „Dies war eine Demonstration! Ich habe mich mit ei-nem Soldaten im Krieg identifiziert. Soldaten sind nervös und ängstlich, deshalb schießen sie daneben und verlieren Schlachten.“

    Er nahm den nächsten Pfeil, spannte den Bogen und schoss. Der Flug war so schwächlich, dass der Pfeil dem Ziel nicht einmal nahe zu kommen vermochte. Diesmal schwieg die Menge, da die Menschen befürchteten, wieder zum Teil eines närrischen Streiches des Mullahs zu werden.

    Dennoch sprach dieser wieder: „Ich habe mich ein weiteres Mal mit diesem Soldaten identifiziert, der bereits einmal danebengeschossen hat und nun aus lauter Angst vor den Pfeilen der Feinde nicht mehr die Kraft fand, seinen Bogen ausreichend zu spannen.“

    Ruhig nahm er den dritten Pfeil und ließ ihn, scheinbar ohne zu zielen, von der Sehne schnellen. Dieser Pfeil fand geradewegs den Mittelpunkt der Zielscheibe. Ohne ein Wort wendete sich Nasruddin dem Schießstand zu, um sich seinen Preis zu holen. Als die Men-schen begriffen, dass er keine Erklärung zum Geschehen abgeben würde, begannen sie lauthals durcheinander zu rufen.

    Nasruddin drehte sich um. „Einer soll für alle sprechen.“

    Da trat ein besonders mutiger junger Mann vor und fragte: „Ehrwürdiger Mullah, wer hat nun geschossen?“

    Nasruddin antwortete: „Das, ach das war ICH!“

    In diesem Sinne wünsche ich allen, die sich nach diesen Zeilen möglicherweise zum Bo-genschießen hingezogen fühlen, viel Freude dabei.

    Foto Künstlerische Darstellung der Statue »Teucer« von Hamo Thornycroft 1840

  • Die Wirbelsäule aus der Sicht der TEM

    Die Wirbelsäule aus der Sicht der TEM

    „Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz“ ist ein oftmals gebrauchter Ausspruch, wenn wieder einmal Rückenschmerzen die Eine oder den Anderen plagen und damit ist bereits Vieles gesagt, wenn auch nicht anatomisch korrekt, denn als Kreuzbein, als os sacrum, „Heiliger Knochen“ wird nur das untere Ende der Wirbelsäule bezeichnet. Doch dazu später.

    Wenn wir diesen Teil des Bewegungs- und Stützapparates aus der Sicht der Signaturenlehre betrachten, so können uns unmittelbar mehrere Aspekte ins Auge fallen.

    Die Säule und der Wirbel
    Zuerst einmal macht die Wirbelsäule ihrem Namen alle Ehre. Sie ist zum einen die zentrale Säule unseres Körpers, trägt das Haupt und an ihr sind alle Teile des Rumpfes, alle inneren Organe und Gewebe befestigt und werden so an ihrem angestammten Platz gehalten. Dies ist die erste Signatur, das tragende, räumlich stabilisierende und Ordnung gewährleistende Element. In diesem bringt sich die saturnische Kraft des trockenen, harten Erdengottes zum Ausdruck, die sowohl Belastbarkeit als auch Sicherheit gewährende Dauerhaftigkeit bedeutet.

    Zum anderen ist die Wirbelsäule aus achtzehn knöchernen Elementen errichtet, den Wirbeln mit dem Kreuzbein, die jeweils über zwei Gelenksflächen mit den darüber und darunter liegenden beweglich verbunden sind. Dazwischen liegen siebzehn Knorpelstrukturen, die Bandscheiben so angeordnet, dass sie gleich einer Kette eine in alle drei Dimensionen bewegliche Struktur bilden, mit deren Hilfe wir eine hochgradige Beweglichkeit erhalten. Dies ist die „Wirbelsignatur“, ein Aspekt des merkurialen Luftgottes, mit dessen Qualitäten wir alle möglichen Körperhaltungen, aufrechte, gebeugte, krumme, verdrehte, … einnehmen können, um damit innere Haltungen körpersprachlich zu kommunizieren und einen hohen Freiheitsgrad an Bewegungsspielräumen unser Eigen nennen können.

    Diese beiden Gegensätze, Stabilität und Bewegungsfreiheit, zeigen augenfällig eine Thematik, der wir bei dieser Körperstruktur noch mehrfach begegnen, einen hohen Spannungsbogen einander widerstreitender Kräfte, verbunden mit der Aufgabe, dieselben in einem maßvollen Gleichgewicht zu halten. Übertreiben wir das Eine, geht es zu Lasten des Anderen und umgekehrt, verbunden mit den nur allzu vertrauten Symptomen.

    Eine übermäßige Betonung der Beweglichkeit, zu schnell und/oder zu weit führt zu dem, was der Volksmund als „Verreißen“ bezeichnet oder auch als „Hexenschuss“, gekennzeichnet von einschießendem, gut lokalisierbarem Schmerz, welcher einerseits muskuläre Überforderung anzeigt, andererseits zu einer Neigung oder Verschiebung eines oder mehrerer Wirbel führen kann und damit zu einer Verengung der Zwischenwirbellöcher durch welche Nervenbündel vom Rückenmark in die Peripherie und von dieser in den Wirbelkanal führen. Dies kann sich dann durch ein „Ausstrahlen“ des Schmerzes in die jeweiligen Versorgungsgebiete bemerkbar machen, sensorischen und/oder motorischen Fehlfunktionen, von denen die wohl bekannteste die Ischialgie ist.

    Eine Überlastung der stabilen Signatur im Sinne einer Überbetonung des „Säulenaspekts“ zeigt sich in erwähnten saturnischen Zeichen, Verhärtungen bis hin zu Verknöcherungen und damit Bewegungseinschränkungen wie sie physiologisch in höherem Alter auftreten, wenn der Körper durch Austrocknung an Elastizität verliert, was sich an dieser Stelle am deutlichsten an den Bandscheiben zeigt.

    Die Bandscheiben
    Zwischen den Wirbelkörpern liegen Knorpelplatten, welche all die Bewegungen, zu denen die Wirbelsäule fähig ist, durch ihre Elastizität erst möglich machen. Sie bestehen aus Kollagenen, sehr zugfeste Bindegewebsfasern, deren Zwischenräume mit einer Zucker-Eiweißverbindung ausgefüllt sind. Diese hat die Fähigkeit, sehr gut Flüssigkeit zu binden und die notwendige Anpassungsfähigkeit an die durch die Bewegungen auftretenden Scherkräfte zu gewährleisten. Während des Tages wird ein Teil dieser Flüssigkeit durch die Druckbelastungen ausgepresst. Das ist der Grund, weshalb wir gegen Abend etwa ein bis zwei Zentimeter an Körpergröße verlieren, die wir nach einer guten Nachtruhe morgens wieder dazugewinnen. Die Ursache dafür ist, dass unser Muskeltonus des Nachts so niedrig wird, dass die Bandscheiben wieder mehr Raum bekommen und sie gleichsam „einatmen“ und dabei die verlorene Flüssigkeit und mit ihr Nährstoffe und Sauerstoff für die Funktion der Bindegewebszellen aus dem interstitiellen Raum ersetzen.

    Wir können sehr einfach erkennen, dass hier die Signaturen des Wasserelements nicht nur in Bezug auf den Flüssigkeitsaustausch eine große Rolle spielen, sondern auch hinsichtlich der Entspannungs- und Regenerationsfähigkeit eines erholsamen Schlafes, der weder durch emotionale Spannungen wie Sorgen und Ängste, noch durch Gedankenkreisen, Einschlaf-, Durchschlafstörungen, noch durch körperliche Spannungszustände, ausgelöst von schlechten Matratzen, Störfeldern, Elektrosmog u.a. gestört wird.

    Dies ist ein weiterer Spannungsbogen, dessen Maß unsere Aufmerksamkeit braucht, wollen wir nicht durch schmerzhafte Symptome erst auf ihn hingewiesen werden: Aktivität, Druck und Spannung auf der einen, Regeneration, Hingabe, Öffnung und Entspannung auf der anderen Seite.

    Das Nervensystem
    Wie schon erwähnt verläuft innerhalb eines Kanals in der Wirbelsäule das Rückenmark, aus welchem Nervenbündel zwischen den einzelnen Wirbeln ein- und austreten und segmental alle Gewebe und inneren Organe innervieren. Dabei gibt es drei Arten von Nerven:

    • Die motorischen, welche alle willkürlichen Muskeln unseres Bewegungsapparates unserem Willen unterwerfen, damit wir uns geordnet bewegen können.
    • Die sensorischen, mit deren Hilfe wir alle Körperempfindungen zu den jeweiligen Hirnarealen führen und dort verarbeiten können und
    • Zwischen Brustwirbel 1 und Lendenwirbel 2/3 vegetative, sympathische Nervenfasern des unwillkürlichen Nervensystems, die Teil der Regulation von Herz-/Kreislauf-, Verdauungssystem, Urogenitaltrakt, Stoffwechsel, uvm. sind. Und genau diese Nerven verbinden die einzelnen Wirbel eben mit den inneren Organen und geben uns damit die Möglichkeit, elementare Themen an einzelnen Wirbeln fest zu machen.

    Die Wirbelsäule und die 5 Elemente
    Wer mit den 5 elementaren Qualitäten und deren Zyklen vertraut ist, weiß, dass diese ein Beschreibungsmodell der Natur sind, mit dessen Hilfe auch der Mensch in den vielfältigen Dimensionen seiner Lebensrealität betrachtet werden kann. Innerhalb dieses auch für eine ganzheitlichen Diagnose überaus nützlichen Systems, können alle Probleme im Bereich der Wirbelsäule differenziert abgebildet werden. Dabei spielt sowohl die Gesamtstruktur, die Einheit zwischen Knochen, Knorpeln, Gelenken, Muskeln, Bändern und Nerven eine Rolle, als auch die einzelnen Segmente, die einem verstehenden Blick dysfunktionale Lebensspannungen hinter der jeweiligen körperlichen Symptomatik wahrzunehmen und zu verstehen möglich machen.

    Ich möchte dies an einem Beispiel veranschaulichen:

    Lendenwirbel 3 und 4

    Die Lendenwirbelsäule „entsprießt“ gleichsam aus dem Wurzelstock des Kreuzbeins wie ein nach oben strebender Halm oder Stamm, und wie dieser wird sie aus ihren „Wurzeln“ genährt. Im Ayurveda, den uralten Schriften über indische Heilkunde schlafen an der Basis der Wirbelsäule zwei Schlangen, eine bildhafte Darstellung fundamentaler Energie, die im Hochsteigen entlang der Wirbelsäule transformiert und verfeinert wird und die jeweiligen höheren Funktionen nährt. Auch die Traditionelle Europäische Medizin kennt eine Entsprechung dazu in der IOS Kraft, jener Kraft die aus der Umkehrung der aggressiven marsischen Qualität kommt, welche zuerst die Erde aufreißt, um den Samen in sie zu legen und dann dessen Keimen und Wachsen unterstützt, indem sie ihn wieder nach oben treibt und von unten her sich so als Abbild der innewohnenden Idee seines Daseins zu verkörpern hilft. Dies ist es, was die Menschen das Kreuzbein „heiligen Knochen“ heißen ließ. Denn es wurzelt in der Lebensenergie, in jenem Raum, in welchem nicht nur das Wunder der Zeugung und Geburt geschieht, sondern wir auch mit der Basis unserer Lebendigkeit hineinreichen, in das Mysterium desselben und verwurzelt sind im Ahnenstrom, aus dessen Genetik sich unser Körper entfaltet und dem Lebensstrom durch welchen die Idee des Ichs seinen Einzug in die Materie nimmt. Daraus erwächst das menschliche Dasein, entfaltet seinen Reichtum an Möglichkeiten und verbindet sich mit der Welt.

    In den unteren Segmenten der Wirbelsäule sind die Qualitäten dieser Kraft überwiegend körperbezogen, wohingegen sie weiter oben sich in die Fühlnatur (Brustwirbelsäule) und Denknatur (Halswirbelsäule) verfeinert. Dementsprechend geht es also im Bereich L3, L4 um die Haushaltung mit dieser Fundamentalkraft. Die Nervenverbindungen gehen von hier aus zur Harnblase und den Geschlechtsorganen, beide körperlicher Ausdruck wichtiger Aspekte des Wasserelements.

    Die Harnblase ist das Auffangbecken des von den Nieren produzierten Harns und macht auf sich aufmerksam, sobald ein gewisser Wasserdruck ihre Muskulatur entsprechend dehnt. Dann öffnet sich der erste Ringmuskel aus glatter Muskulatur unwillkürlich und beim Kleinkind beginnt es dann zu fließen, da dieses noch nicht ausreichend fähig ist, Druck auszuhalten, auf keiner Ebene seines Daseins. Im reifer, das heißt kompetenter werden, während dessen wir die passiven Ressourcen zu beherrschbaren Fähigkeiten wandeln und dabei resistenter, stabiler und gefestigter werden, beginnen wir Strukturen auszubilden, die Spannungen, Stress und Druck zu ertragen vermögen. Im Zuge dessen werden wir auch fähig, den zweiten Verschlussmechanismus der Harnblase, eine Schlinge aus willkürlicher Muskulatur eigenständig zu kontrollieren. Dieser macht es uns möglich Harn zurück- und den entsprechenden Druck auszuhalten. Dabei dehnt sich dann die Blasenmuskulatur plastisch aus und das Spannungsgeschehen lässt nach. Dies kann bis zu einer gewissen Grenze wiederholt werden.

    So betrachtet sehen wir darin die Fähigkeit des Menschen, auch unter Stress weiterhin ruhig und entspannt bleiben zu können, also nicht mehr nur unwillkürlich vom reinen Maß der Spannung gelenkt zu werden. Dies ist ein fundamentaler Aspekt basaler Energielenkung. Denn im Stressgeschehen wenden wir einen weitaus größeren Anteil an Energie auf als in einem gelassenen, entspannten Modus. Dabei gibt es allerdings eine absolute Grenze, bei deren Erreichen es entweder peinlich wird – es geht in die Hose – oder lebensbedrohlich – es kommt zu einem Harnrückstau zu den Nieren.

    So gesehen geht es also bei dysfunktionalen Spannungen innerhalb dieses Segments um die Thematik der Grenzen des eigenen Maßes. Wie viel an Energie kann ich verbrauchen, welchem Maß an Spannung, Druck, Stress bin ich, innerhalb der Größenordnungen des von mir beherrschbaren Raums, noch gewachsen, um weiterhin in Ruhe und selbstregulativ agieren zu können? Und wann lande ich im Bereich kompensatorischer Muster, die nur mehr mit dysfunktionalen Spannungen, Verschiebungen in der Säulenintegrität und entsprechenden Schmerzen zu bewältigen sind?

    Im Zuge dieses Themas möchte ich auch die Sinnhaftigkeit so genannter „Sauberkeitserziehung“ in Frage stellen. Hinter jeder Entwicklung körperlicher Fähigkeiten steht die Beherrschung entsprechender und vielschichtiger Potentiale, wie oben erwähnt, die Ergreifung ausreichender Stabilität und gereifter Integrität, die es dem kindlichen Menschen erst möglich machen, willentlich Druck stand zu halten. Wird das Kind nun über Zuckerbrot und Peitsche dazu konditioniert – eine treffendere Beschreibung wäre abgerichtet – eine somatische Fähigkeit zu erlernen, ohne die Reife zu besitzen sie mit den damit verbundenen Ressourcen, wie, um beim Beispiel zu bleiben, dem Bewusstsein der Grenzen des eigenen Maßes verbinden zu können, bleibt er bei der jeweiligen Thematik, oftmals auch bis ins hohe Alter „ein dressierter Affe“. Das bedeutet, dass der Mensch zwar tut, was seine Umwelt erwartet, so wie er es von Beginn an in der Verbindung mit seinen Eltern gelernt hat, jedoch ist die Verbindung zu sich selbst verkümmert.

    Das bedeutet, wenn wir zu L3, L4 zurückkehren, dass die betroffenen Menschen, bei denen Wirbelsäulenprobleme in diesen Segmenten chronisch oder rezidiv sind, mit der Herausforderung zu kämpfen haben, die ihnen verfügbare Energie in angemessener Weise umzusetzen, ohne sich aufgrund äußerer oder bereits internalisierter Erwartungshaltungen permanent oder immer wieder derart zu überfordern, dass dies nur mit entsprechenden „Verkrümmungen“ möglich ist.

    Wir brauchen nicht weit zu schauen, manches Mal nur bis zur eigenen Haustür um diesen Überforderungsstrategien zu begegnen. Die heilende Frage dazu könnte lauten:

    Was ist so wichtig oder auch Angst einflößend, dass ich bereit bin, die Signale meines Körpers, der mich zu Ruhe, Entspannung und Regeneration ruft, einfach zu ignorieren, bis mich der Schmerz dazu zwingt, mein tätig Sein zu unterbrechen und leidend mich zu kurieren oder, noch schlimmer, Analgetika zu nehmen, die es möglich machen das Maß an Ignoranz noch weiter zu erhöhen?

    Die Wirbelsäule und die Ebenen unseres Daseins
    Auf diese Weise kann man an der Wirbelsäule und all den mit ihr verbundenen Strukturen den Umgang des Menschen mit all seinen Lebensthemen erkennen, ob er dazu fähig ist, sich innerhalb seines individuellen Maßes, das sich je nach Kondition und Reife verändern und erweitern kann, zu bewegen, oder Kräften ausgesetzt ist, inneren und/oder äußeren, deren Wirken er nicht mehr eigenständig zu regulieren vermag.

    In diesem Sinne stellt die Wirbelsäule sowohl diagnostisch als auch therapeutisch ein Holon dar, ein holographisches Abbild des Menschen, körperlich, seelisch und geistig. Dementsprechend ist der Mensch auch für verschiedenste Methoden der Körperarbeit über die Wirbelsäule therapeutischen Impulsen zugänglich, greifen diese nun auf die knöchernen, muskulären, nervlichen oder ätherischen Strukturen zu. Immer geht es um ein individuelles, angemessenes und dynamisches Gleichgewicht zwischen Stabilität und Beweglichkeit, Grobem und Feinen, Körperlichem und Geistigem (oben und unten), Zukunft und Vergangenheit (die Doppel-S Form der Wirbelsäule, die zwischen vorne und hinten schwingt), Aktivität und Regeneration (die Mitte zwischen links und rechts), Geben und Nehmen, … auf allen Ebenen seiner Lebensrealität.

    Sie ist dementsprechend auch eine Ausdrucksform der komplexen Gleichgewichte zwischen den 5 elementaren Qualitäten, die wir aus so vielen traditionellen Medizinsystemen in etwas abgewandelter Form kennen: Die sich, naturgesetzmäßig in einem physiologischen Nähr- und Kontrollzyklus miteinander vernetzt, innerhalb eines dynamisch sich anpassenden Gleichgewichtsgeschehens hält, während der Mensch sie für die Dauer eines Lebenskreises zwischen seiner Zeugung, dem Eintritt in diese Welt, und seinem Tod, dem Austritt aus derselben durchwandert und die Idee, die er mit hereinbringt, entfaltet, erblühen und Früchte tragen lässt, um diese schließlich zu einem geistigen Schatz zu destillieren, mit dem er dann wieder die physische Daseinsebene verlässt.

    Therapeutische Ansätze
    Auf der körperlichen Ebene sind zuerst einmal manuelle Therapien sehr erfolgversprechend, die Verschiebungen in der knöchernen Struktur reponieren helfen, wie Chiropraxis, Osteopathie oder die Dorn Methode. Dabei wird das muskuläre System entlastet, welches ja die knöchernen Strukturen zu stabilisieren hat und dementsprechend in Verspannungszustände gezwungen wird, sobald die physiologische Form der Wirbelsäule nicht mehr gegeben ist. Darüber hinaus kann es bei chronischen Wirbelverschiebungen zu Mikroentzündungen kommen, die zusätzlich zu den ohnehin schon vorliegenden Verengungen der Zwischenwirbellöcher, also der Aus- und Eintrittsöffnungen für die peripheren Nerven, durch erhöhte Flüssigkeitsansammlungen im betroffenen Gebiet durch deren Raumforderung weiteren Druck auf die Nerven ausüben können. Eine Entlastung durch Schröpfanwendungen kann hier Abhilfe schaffen. Auch die Scherkräfte auf die Bandscheiben werden durch so geartete Behandlungen verringert.

    Die Entspannung der Muskulatur ist ein weiterer Ansatzpunkt. Zumeist sind dysfunktionale Spannungszustände derselben oftmals der Grund für oben genannte Verschiebungen und Ausdruck emotionaler Spannungszustände, die sich ins somatische verschieben und/oder dort in Erscheinung treten, nachdem ihnen dieser auf der psychischen Ebene verwehrt wird. Ein erhöhter Energieverbrauch durch muskulären Hypertonus und damit verbunden eine Übersäuerung des jeweiligen Gebietes, auch aufgrund von mangelhafter Durchblutung, tragen zur Erhaltung dieses Zustandes bei. Durchblutungsfördernde wärmende Salben, Gua-Sha-Fa, Baunscheidtieren oder ähnliche Reizanwendungen sind dabei ebenso hilfreich wie ein Ingwerwickel.

    Eine Harmonisierung des Blasenmeridians, welcher der Hauptversorger der autochthonen Rückenmuskulatur mit Ätherenergie (Chi) ist und von dem aus über die so genannten Back Shu Punkte, von denen analog zu den Nervensträngen des sympathikotonen vegetativen Nervensystems Meridiane zu den inneren Organen abzweigen und diese versorgen, ist ebenso zu empfehlen (Shiatsu, APM, Akupunktur).

    Die Einbeziehung der ventralen Muskulatur durch Baucharbeit wie Ampuko sollte als Gegenspielerin der Rückenmuskulatur nicht vergessen werden.

    Gerade bei einer chronischen Symptomatik kommt dem psychischen Aspekt große Bedeutung zu. Die Wirbelsäule als körperlicher Ausdruck tragfähiger und dynamisch sich anpassender Haltungen zu sich selbst, zur Welt und zum Leben, erzählt in pathologischen Zuständen von den nur mehr kompensatorisch zu bewältigenden Spannungszuständen der betroffenen Person, die oftmals in bereits sehr alte Verhaltens-, Fühl- und Denkmuster im Bezug zu Überlebensstrategien und deren Wurzeln gründen. Sie diesen zuzuwenden und in bewussten Transformationsprozessen zu heilen, hilft eine nachhaltige Stabilisierung eines eigenregulativen Zustandes zu finden.

    Weiterführende Literatur: 5 Elemente – Begleiter auf dem Weg zum Menschen erschienen im Freya Verlag.