BLOG März 2021
Die Fauna in der Traditionellen Therapie

Teil 2

Im vergangen Monat wurden tierische, homöopathische Arzneien vorgestellt. Diesmal stehen Nosoden und die Verwendung des Cantharidenpflasters im Blickpunkt.

Eine besondere Form der „animalischen“ Mittel stellen die Nosoden dar. Diese sind definiert als Remedia, die aus Körperflüssigkeiten oder Krankheitsausscheidungen gewonnen werden, während für Sarkoden, je nach Literatur, Gewebe oder gesunde Ausscheidungen als Quelle dienen.

Die Trennung ist uneinheitlich, weshalb sich der Begriff „Nosode“ – vom griechisch Wort „nosos“ für „Krankheit“ durchgesetzt hat. Gängige Nosoden sind Tuberkulinum oder Psorinum, die Vielfalt ist mittlerweile groß.

Einer der ersten Homöopathen, der derartige Arzneien verwendete, war Constantin Hering. Sein ursprüngliches Bestreben war, Schlangengifte in die Homöopathie aufzunehmen. Er betrachtete das Gift der Schlange als Tierspeichel; in Analogie dazu sah er den tödlichen Speichel des tollwütigen Hundes (Lyssinum, erstmals getestet 1833). So wurden nicht nur Lachesis (Gift der Buschmeisterschlange, 1828) sondern auch Nosoden und Sarkoden unterstützt und durch ähnliche Bestreben anderer Homöopathiker in die Therapie eingeführt. Auch Karsakov, der „Erfinder der Einglas-Potenzierungs-Methode“ (aufgrund fehlerhafter Transliteration als Korsakoffmethode bezeichnet), hat etwa bereits 1832 Blut potenziert und Hahnemann auf die Wirkungen der Autonosode aufmerksam gemacht.

Zu einer Autonosode können im Prinzip alle Körperflüssigkeiten oder Gewebe verarbeitet werden; meist Blut, Urin, Eiter oder Faeces (Kot, Ausscheidungen) meist potenziert verabreicht. Urin bietet sich an, wenn etwa wiederkehrende Blasenentzündungen vorliegen oder wenn bei kindlichen Allergiepatienten keine Blutabnahme möglich ist. Eiter oder Wundsekret werden bei schlecht heilenden Wunden oder Dekubitus gegeben und Eigenstuhlnosoden bei Durchfällen oder Darmerkrankungen. Blut wirkt unterstützend bei jeder Therapie. Bei Regelbeschwerden kann das Blut der Menses potenziert werden.

Eigenblut und Eigenurin werden heute in Form einer Reiztherapie unverdünnt gespritzt. Die subkutane und intramuskuläre Applikation hat sich bewährt, da die Resorption durch die Depotbildung verlangsamt ist; dies ist bei chronischen Erkrankungen zweckmäßig. Die verwendeten Mengen können gesteigert und mit Ampullen homöopathischer Remedia gemischt werden. Das Blut oder der Urin beinhalten unter anderem Nährstoffe, Enzyme sowie Ausscheidungsprodukte, die im Gewebe Abwehrmaßnahmen bewirken. Diese Immunstimulierung und Stoffwechselaktivierung führt zu einer Stärkung im Organismus, wodurch die Selbstheilung wiederhergestellt werden kann.

Häufig wird die Anfertigung von Muttermilchnosoden gewünscht. Derartige Nosoden können aus der Milch der Mutter während der ganzen Stillzeit gefertigt werden. Die Homöopathie kennt eine Vielzahl an Milchmitteln, genannt Lac, beispielsweise von Haus- und Nutztieren wie dem Hund, der Katze, dem Esel oder der Kuh sowie von Wildtieren wie dem Wolf, dem Elefanten, dem Affen oder sogar dem Delphin. Naturgemäß ist die Auswahl des Tieres entscheidend, weil ja dessen Gemüt und Verhalten in die Wirkung einfließen. Milch hat etwas Nährendes, Ureigenes, Elementares. Die Milchpräparate haben im Vergleich zu den anderen Homöopathischen Mitteln die Eigenschaft etwas zu geben; sie werden angewendet, wenn etwas fehlt. Unruhigen Kindern mit Schlafproblemen nach dem Abstillen, wird potenzierte Muttermilch gegeben. Ebenso können Menschen, denen eine Perspektive im Leben fehlt von einer derartigen Nosodengabe profitieren. Personen mit Suchtproblemen ist eine Gabe gemeinsam mit dem suchtbildenen Stoff dazu zu geben, also etwa bei Rauchern Tabacum. Lac humanum oder eine persönliche Muttermilchnosode kann natürlich auch bei anderen Symptomen wie etwa Infektanfälligkeit, Zahnen und Schmerzen, Unruhe, Mangel an Nähe, Verlangen nach Süßem angewendet werden. Ob die Nosode passt, lässt sich leicht beantworten: Würde eine Mutter bei diesen Beschwerden das Baby an die Brust legen, dann ist die Muttermilchnosode angezeigt.

Die spanische Fliege (Lytta vesicatoria) ist ein Tier, dass gleichfalls als Homöopathikum namentlich Cantharis verwendet wird. Der Name geht auf Hippokrates und Aristoteles zurück, die das Tier schon damals nutzten. Heute werden die Krabbeltiere in Form des Cantharidenpflasters wohl häufiger als die potenziert Arznei verwendet.

Eine Reihe von Insekten führen auf die Haut aufgetragen zu Bläschenbildung. Dieser Käfer Cantharis ist in Europa beheimatet; hat eine längliche Form mit charakteristisch grün-schimmernden Farben und unangenehmen Geruch. Fein zerkleinert liegt die Droge als schmutzig-braunes Pulver vor, das mit zahlreichen leuchtend grünen Punkten übersät ist.

Das Blasenziehen zählt zu den ausleitenden Verfahren und wurde bereits bei römischen Ärzten als Heilmittel eingesetzt. Dabei wurden verschiedene Mittel wie ätzende Lauge ferner Pflanzen wie Wolfsmilch, Giftsumach oder Senf verwendet.

Paracelsus sagte, dass, „nur jemand den Namen Arzt verdiene, der die Gicht heilen kann“ und bezog sich dabei wiederum auf die Anwendung mit dem Pflaster der spanischen Fliege. Hufeland lobte diese Heilmethode ebenso. Verschiedene Rezepte für Cantharidensalben sind überliefert wie etwa die Helle, die milder ist oder die Schwarze, die als weiteres Reizmittel Essigsäure und Terpentinöl enthält. Moderne derartige Salben werden auf Vaselinbasis hergestellt und aus unterschiedlichen Anteilen an Canthariden und reizenden Harzen und den Ölen der Kiefer gemischt. Wundauflagen werden damit bestrichen und auf die bedürftige Stelle gelegt und dort verklebt. Über Nacht bildet sich eine Blase, die einer Verbrennung zweiten Grades entspricht. In der ausgeleiteten Lymphflüssigkeit sammeln sich Schärfen und Schmerzmediatoren. Untersuchungen an Patienten mit lumbaler Spinalkanalstenose zeigten einen signifikanten, schmerzlindernden Effekt! In weiterer Folge werden immunkompetente Zellen und Enzyme aktiviert, die zu einer Autoregulation führen.

Sehr gute Ergebnisse werden neben Wirbelsäulen- und Gelenksleiden auch bei Tumorschmerzen sowie Erkrankungen des HNO-Bereichs, Haut- und Nervenkrankheiten erzielt. Aufgrund des Effektes auf das Lymphsystem wird das Prozedere auch „weißer Aderlass“ genannt. Die Blase wird schließlich mit einer Kanüle entleert und gegebenenfalls die Haut entfernt, was eine Verstärkung des Wundreizes hervorruft. Aus der Lymphflüssigkeit kann eine Autonosode hergestellt werden, so mancher Ärzt oder Heilpraktiker spritzt die Lymphflüssigkeit sogar. Allerdings werden dadurch auch Reizstoffe des Pflasters verabreicht, entsprechende Reaktionen sind möglich. Abschließend muss die Blessur durch das Auftragen einer Salbe etwa der bewährten Hamamelissalbe versorgt werden. Die Wunde kann noch über Tage Lymphe sezernieren. Erst nach der vollständigen Abheilung kann ein weiteres Pflaster geklebt werden- so dies als unbedingt nötig erachtet wird. Eine Ergänzung durch Schröpfen ist denkbar. Im Abstand von wenigen Tagen kann baunscheidtiert werden.

Als Kontraindikationen werden akute Cystitis, Nephritis und akut entzündete, gerötete Gelenke genannt. Die Salbe sollte keineswegs auf offene Wunden oder Schleimhäute aufgebracht werden, auch Gelenksbeugen sind auszuschließen. Auf Zurückhaltung ist bei pigmentreichen Patienten wegen möglicher Hyperpigmentierung zu achten, ebenso bei Schwangeren. Derartige Therapieformen gehören in die Hände erfahrener, zugelassener TherapeutInnen oder ÄrztInnen

Bekannt sind viele weitere Arzneien aus dem Tierreich. Manche fanden als Reinstoff sogar ihren Weg in die moderne Medizin wie die Curaregifte aus den Pfeilgiftfröschen oder die Insuline, die zwischenzeitlich semisynthetisch aus Schweinepankreata hergestellt wurden. Für die Nutzung in der integrativen Medizin werden heute tierische Drogen genauso wie pflanzliche nach ihrer Signatur beurteilt und in homöopathischen Prüfungen getestet. Die Vielfalt ist dabei mindestens ebenso groß wie bei jenen aus dem Pflanzenreich.

Mag.a pharm. Dr. Gabriele Kerber-Baumgartner

Mag.a pharm. Dr. Gabriele Kerber-Baumgartner

Blogtext © Mag.a pharm. Dr. Gabriele Kerber-Baumgartner