BLOG Februar 2022
Die Rose des Winters

Die Töchter des Königs Proitos von Argos wurden, da sie gegen Hera oder Dionysos Frevel begangen hatten, von den Göttern mit Wahnsinn bestraft. Nachdem eine der Töchter daran verstorben war und die anderen Töchter noch wilder wurden und der Irrsin auf alle Frauen übergriff, heilte Melampus alle Frauen und erhielt von Proitos als Belohnung die Hälfte des Königreichs. Gemäß Dioscorides hatte er die Frauen mit der schwarzen Nieswurz behandelt.

Die schwarze Nieswurz, Helleborus niger, häufig Schneerose oder Christrose genannt, ist eine ausdauernde, immergrüne Pflanze aus der Familie der Hahnenfußgewächse. Der frische Wurzelstock wird im Dezember und Jänner gegraben, hat einen widerlich, ranzig, scharfen Geruch, der zum Niesen reizt. Der Geschmack des Rhizoms ist erst süß, dann bitter und beißend reizend. Alle Teile der Pflanze sind giftig und werden von Weidetieren wegen des Geruchs der Wurzel gemieden.

Schon im Altertum wurde die Wurzel bei Geisteskrankheiten verabreicht, bei Epilepsie, Wutanfällen, Melancholie oder bei Gicht. Sagte man im alten Rom von jemandem „Der hat die Nieswurz nötig!“ war damit gemeint, dass dieser leicht verrückt sei. Die Wurzelabkochung in Wein wurde als kräftig abführendes Purgiermittel genutzt, das Feuchtigkeit sowie Gelb- und Schwarzgalle austreibt“ (Matthiolus). Auch Verstopfungen von Pfortader und Milz sollten mit ihrer Hilfe gelöst werden. Die Wurzel diente weiters bei Hauterkrankungen, alten Wunden oder Gelenksrheumatismus in Form von Umschlägen oder als Puder. Später fand die Wurzel in geringer Dosierung bei Herzerkrankungen, Kopfschmerzen oder Amennorhoe Verwendung und galt als sehr gutes Hirn-, Uterus-, und Nierenmittel. Paracelsus empfahl das Pulver als Altersmittel zur Verlängerung des Lebens.

Heute hat die Wurzel bei vergleichbaren Indikationen Einzug in die Homöopathie gehalten, Samuel Hahnemann hat über die Schneerose seine Doktorarbeit geschrieben. Als Leitsymptom gelten melancholische Zustände, die mit starker Erregung wechseln; „allgemeine, muskuläre kardiale oder renale Schwäche, die mit Ödemen in Beinen und Körperhöhlen verbunden ist“ (Garvelmann) gilt als wesentliches Kennzeichen. Typische Indikationen sind reduzierte Vitalität, schweres Atmen oder Lungenödeme, Nierenentzündungen, pulsierenden Kopfschmerzen, stets verbunden mit Unruhe, auch im Wechsel. Die Wurzel gilt als warm und trocken. Sie steigert die physiologische Wärme, eliminiert Schärfen sowie phlegmatische Stauungen, wirkt reinigend und auf Gewebsverhärtungen erweichend. Der Christrose werden immunmodulierende und tumorhemmende Wirkungen nachgesagt; entsprechende Untersuchungen liegen vor. Welche Inhaltsstoffe für diese Wirkung in Frage kommen, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Bekannte Wirkstoffe sind herzwirksame Glycoside, Alkaloide sowie Steroidsaponine. Der Einsatz bei Krebspatienten erfolgt bis dato jedoch nur auf anthroposophischer Basis, oft in Kombination mit Mistelpräparaten.

In der Nieswurz zeigt sich überwiegend die Kraft des Saturns: Sie wächst in den nördlichen Kalkalpen auf Abhängen und in Wäldern; sie ist ein Kalkanzeiger. Ihre Blätter sind immergrün, sieben bis neunfach charakteristisch pedat gefiedert und ledrig. Auch die antizyklische Blütezeit ist durch den Saturn geprägt. Aus der nickenden Knospe entwickelt sich auch bei Schneelage gelegentlich bereits um Weihnachten, zumeist erst nach Lichtmess, die weiße Blüte. Das Weiß der Blüte ist mit Neubeginn und Helligkeit assoziiert. Da die Schneerose im Winter, manchmal bereits zur Wintersonnwende blüht, galt sie lange als Orakelpflanze. Die Blüte gilt als botanische Besonderheit: Die zu Blütenblättchen modifizierten Kelchblättchen sind spiralig angeordnet, die eigentlichen Kronblättchen zu Nektarien umgestaltet. Sie bilden reichlich duftenden Nektar, um Wildbienen anzulocken. Die Nieswurz kann unabhängig davon ihren eignen Pollen zur Selbstbestäubung nutzen. Die Staubblätter sind gelb, in deren Mitte mehrere oberständige Fruchtblätter stehen. Nach der Bestäubung bleiben die Blütenblätter erhalten, ergrünen und dienen der Versorgung der heranreifenden Balgfrüchte. In der immergrünen Farbe zeigt sich die Sonne, in der Schärfe der Wurzel der Mars. Die schwarze Farbe des Rhizoms sowie der Geruch und die Giftigkeit sind jedoch wieder Zeichen des Saturns.

Die schwarze Nieswurz, die der Überlieferung nach früher Menschen vor dem Tod bewahrte, hat ihre Bedeutung in der Traditionellen Europäischen Medizin nicht gänzlich verloren und wird heute therapeutisch in verdünnter Form genutzt. Um die winterliche Melancholie zu vertreiben, kann man verschiedene Arten an schattigen Plätzen in den Garten setzen und sich zeitig im Jahr an der Schönheit der Rose des Winters erfreuen.

Mag.a pharm. Dr. Gabriele Kerber-Baumgartner

Mag.a pharm. Dr. Gabriele Kerber-Baumgartner

Blogtext © Mag.a pharm. Dr. Gabriele Kerber-Baumgartner