BLOG April 2021
Die Milz – ein fast vergessenes Organ

Teil 1

Die Häufigkeit von Krankheiten, bei denen die Milz eine mehr oder weniger offensichtliche Rolle in der humoralen Pathophysiologie spielt, zeigt, dass die humoralmedizinische Sicht der Dinge mitnichten „überholt“ oder „historisch“, sondern vielmehr ein hochaktuelles Thema ist.

Zunächst die Milzfunktionen, wie sie in der konventionellen Medizin bekannt sind. Anschließend werden diese Fakten mit dem traditionellen Wissen verknüpft:

    1. Die Milz fungiert als Blutspeicherorgan. D. h., eine ihrer Aufgaben ist es, bei der Blutverteilung im Organismus mitzuwirken. Sie ist in der Lage, bei Bedarf rasch Blut in den Organismus abzugeben und auch wieder aufzunehmen.
    2. Eine weitere Milzfunktion ist die Erkennung und Elimination alter Erythrozyten („Erythrozytenmauserung“). In der Milz werden die Erythrozyten auf ihr Alter hin gecheckt und ab einem Alter von etwa 120 Tagen aussortiert. Dieser Vorgang ist wichtig, damit der Organismus seine Blutqualität erhalten kann. Sie merken vielleicht, dass ich ganz bewusst einige Begriffe verwende, die der traditionellen Heilkunde entstammen, weil es die Verknüpfung der wissenschaftlichen Sicht mit der Humoralmedizin erleichtert.
    3. Ein weiterer Aspekt ist die Milz als Immunorgan. Sie hat die Aufgabe, Lymphozyten zu bilden und zu speichern, humorale Antikörper (Immunglobuline) zu bilden und mit ihren Phagozyten Antigene aller Art zu beseitigen. Wenn man diese Aufgaben zusammenfasst, kommt man zu dem Schluss, dass man die Milz als „Lymphknoten des Blutes“ bezeichnen kann.

Ausgehend von diesen drei physiologischen Aufgaben kann man ableiten, was sich entwickelt, wenn diese Funktionen pathologisch verändert sind:

Bei Störungen der Blutspeicherfunktionen entstehen pathologische Situationen der Blutverteilung im gesamten Organismus. Ein häufig vorkommender pathologischer Zustand ist die sogenannten „Abdominalplethora“ (auch ein Begriff aus der traditionellen Heilkunde), die darauf beruht, dass die venösen Gefäße des Bauchraums den für die Blutbewegung notwendigen Spannungszustand (Tonus) nicht aufbauen können. Als Folge stagniert der Blutfluss im Venensystem des Bauchraums, wovon besonders das Pfortadersystem betroffen ist. Da die Vena lienalis ein Seitenast der Pfortader ist, ergibt sich sekundär aus der passiven Stagnation in der Pfortader auch ein venöser Rückstau in die Milz. Damit ist nicht ein klinisch manifester Pfortaderstau gemeint, der etwa infolge einer Einfluss-Störung in die Leber auftritt, sondern um die häufig auftretenden subklinischen Stauungszustände im abdominellen Venensystem, die ein pathogenetischer Faktor für eine Vielfalt unterschiedlicher Krankheitsbilder sind.

Eine Störungen der Blutverteilung im Organismus kann symptomatisch auf sehr unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen beispielsweise. in Form einer Hypotonie. Interessanterweise kommt es nicht selten vor, dass die arterielle Hypertonie ein Kompensationsversuch des Organismus für den plethorischen Zustand im venösen Schenkel ist, mit dem versucht wird, die venöse Stauung „wegzuschieben“ – was aber aufgrund der Elastizität der Gefäße nicht funktionieren kann. In dieser Pathophysiologie spielen plethorische Zustände im Pfortadersystem offensichtlich eine zentrale Rolle. Daher erlebt man in der Praxis immer wieder, dass sich die Blutdruckwerte bei einer sogenannten essenziellen Hypertonie durch eine Milztherapie langsam, aber sicher normalisieren.

Kommen wir zum nächsten Punkt: Elimination alter Erythrozyten. Wenn diese Funktion insuffizient verläuft, führt dies logischerweise dazu, dass durch Überalterung die Erythrozytenqualität abnimmt. D.h., der Wirkungsgrad beim Transport von Sauerstoff reduziert sich. Daraus entstehen Zustände mit typischen Anämie-Symptomen. Im Laborbefund des Blutes stellt man aber fest, dass die Werte des roten Blutbildes unspektakulär im unteren Normbereich sind. Trotzdem hat der Mensch Symptome, die auf einen anämischen Zustand schließen lassen. Dies ist die Folge des reduzierten Wirkungsgrades beim Sauerstofftransport – ein qualitatives Defizit, das sich quantitativ häufig nicht erfassen und sich daher auch nicht durch die Gabe von substanziellen Eisenpräparaten oder -infusionen lösen lässt. In der defizitären Blutqualität wird das kalte und trockene, melancholische Prinzip der Humoralmedizin erkennbar. Darüber hinaus bedingt mangelhafte Blutqualität auch eine Überfrachtung des Blutes mit Stoffwechsel-Endprodukten (Metaboliten). Näheres dazu folgt im humoralmedizinischen Teil dieses Artikels.

In ihrer pathophysiologischen Bedeutung als Immunorgan tritt die Milz in Erscheinung bei allen Formen der Abwehrschwäche und bei allergischen Krankheiten. Die Milz ist als Lymphorgan für die Steuerung und die Leistungsfähigkeit des gesamten Lymphsystems, vor allem aber des intestinalen Lymphapparates (GALT) mitverantwortlich, in enger Kooperation mit den Peyer’schen Plaques. Aus diesem Grund lohnt es sich, bei Abwehrschwäche und bei Allergien die Milz in das therapeutische Konzept mit einzubeziehen.

An diesem Punkt eine kleine Zwischenbemerkung: Wir müssen uns von der Vorstellung monokausaler Ursache-Wirkungsprinzipien lösen. Diese Simplifizierung ist in einer systemischen Medizin (wie der TEM / TEN) nicht haltbar. Gerade die chronischen Krankheiten basieren immer auf multiplen Ursachenkomplexen. Einen Störfaktoren kann ein konstitutionell stabiler Organismus immer „wegstecken“, das heißt, er kann ihn kompensieren. Erst wenn mehrere Störfaktoren zusammenkommen, bricht die systemische Steuerung zusammen und es entwickelt sich das, was wir als Krankheit bezeichnen. In diesem Sinne spielt die Milz häufig die Rolle eines Co-Faktors im pathophysiologischen Geschehen. Sie ist ein Mosaikstein im Krankheitsprozess, tritt aber selbst nur selten in gravierender Weise in Erscheinung. Außer bei einigen Malognosen, dem Pfeiffer’schen Drüsenfieber und einigen anderen Infektionskrankheiten bei denen eine Splenomegalie besteht, ist die Milz ein eher „stilles“ Organ, das wenig Beschwerden bereitet, vielleicht mal Seitenstechen als Zeichen einer Milzkapselspannung. Wahrscheinlich schenkt man ihr deshalb nur so wenig Beachtung. Nach schulmedizinischer Lehrmeinung kann ein Mensch problemlos auf die Milz verzichten. Deshalb wird sie bei Erkrankungen oder Ruptur auch recht kritiklos operativ entfernt, was im Übrigen die einzige schulmedizinische „Milztherapie“ ist… Es ist richtig, dass ein Mensch zwar ohne Milz leben kann – aber häufig auf Kosten der Lebensqualität. Andere Organe – v. a. die Leber und Nieren – sind in der Lage, Milzfunktionen zu kompensieren. Aber 100 %-ig ist diese Kompensation in der Regel nicht. Daher entwickeln sich nach Splenektomie häufig auch Probleme des gesamten melancholischen Formenkreises in allen möglichen Bereichen und Ebenen des Organismus, für die Sie nach dem Lesen dieser Arbeit nicht nur Erklärungen, sondern auch therapeutische Ansätze kennen werden.

Immer wieder wird mir in Seminaren die Frage gestellt, ob man nach Splenektomie noch Milzmittel geben darf, oder nicht. Klare Antwort: Ja, man darf nicht nur, man muss sogar! Es ist ein Prinzip der TEN, dass wir keine Organe (im materiellen Sinne) behandeln, sondern mit der Therapie Einfluss auf deren Funktionalität nehmen. In der Naturheilkunde steht immer die Funktion im Zentrum der Betrachtung. Das Organ ist nur das „Werkzeug“ zur Bereitstellung seiner spezifischen Funktionen für den Gesamtorganismus. Aus diesem Blickwinkel behandle ich mit einem „Milzmittel“ nicht das „Organ Milz“, sondern optimiere dessen Funktionen. Müssen nach Milzentfernung aber die Milzfunktionen von anderen Geweben kompensatorisch geleistet werden, ist es umso dringender, sie dabei zu unterstützen. Dafür gibt es Parallelen in anderen Bereichen: Nach Entfernung der Gallenblase sind unbedingt Gallenmittel einzusetzen, um die Funktionen der nicht mehr vorhandenen Gallenblase bestmöglich zu kompensieren. Oder nach Tonsillektomie ist eine Lymphtherapie sinnvoll, um dennoch die Immunsysteme stabil zu halten. Es ist in allen Bereichen der TEM / TEN das Gleiche: Wir beeinflussen Wirkprinzipien – nicht Organe.

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Friedemann Garvelmann

Friedemann Garvelmann

Autor und ©: Friedemann Garvelmann www.trad-nhk.org/