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Der Darm in der Traditionellen Europäischen Medizin - Teil 1

Bereits Wilhelm Busch wusste, dass ein gesunder Magen und Darm unbeachtet bleibt, viel Arbeit, wenig Dank. So ist der Gastrointestinaltrakt (GIT) wohl nach wie vor ein unterschätztes Organ. Heißt es nicht stets, die Haut wäre das größte Organ? Dabei hat der Darm bei einer Länge von etwa acht Metern eine Oberfläche von 400-500 m2, die Haut lediglich hingegen etwa 1,5-2 m2. Glauben sie, man denke nur mit dem Gehirn? Das enterale Nervensystem (ENS) weist 100 bis 200 Millionen Neuronen auf, das zentrale Nervensystem allein 100. Das ENS lernt, korrigiert, agiert unabhängig vom Großhirn und ist Sitz der Intuition. Mehr Nervenstränge laufen vom ENS zum ZNS als umgekehrt. Nicht zu vergessen sind die hundert Billionen Bakterien, die den GIT besiedeln. Damit existiert das am dichtesten besiedelte Ökosystem im menschlichen Körper. Die Keime sind nicht nur relevant für unsere Verdauung und Gesundheit, nein, die Bakterien beeinflussen das menschlich-soziale Verhalten. Beeindruckt?

Der Gastrointestinaltrakt beginnt streng genommen in der Mundhöhle und endet mit dem After. Er erweist sich gemeinsam mit den Nebenhöhlen und der Lunge als größte Barriere des Körpers zur Außenwelt im Menschen. Die ständige Einsatzbereitschaft dieses Organs ist in hohem Maße wichtig und funktioniert dabei wie ein Türsteher. Aufgebaut ist diese Grenze aus drei Schichten:

Die äußerste Schicht wird durch intestinale Mikrobiota gebildet, gemeinhin als Darmflora bekannt. Die Gesundheitserreger helfen bei der Aufnahme von Nährstoffen, bieten Schutz vor pathogenen Keimen, regulieren den pH-Wert und bilden wichtige Stoffe wie etwa kurzkettige Fettsäuren, die der Ernährung der Darmschleimhaut dienen, aber auch das Gehirn versorgen.

Die Darmschleimhaut selbst hat eine schwierige Aufgabe da sie zwei völlig gegensätzliche Funktionen zu erfüllen hat. Einerseits fungiert sie als Resorptions- und Sekretionsorgan, andererseits als Diffusionsbarriere. Diese Schranke erfolgt über sogenannte tight-junctions, schmalen Bändern aus Membranproteinen, die sich nur aufgrund bestimmter Signale öffnen.

Die dritte und innerste Schicht bildet das darm-assoziierte Immunsystem, welches das größte Immunorgan des Menschen überhaupt darstellt. 80% aller aktiven Immunzellen befinden sich im Darm!

Das Funktionieren dieses Wunderwerks ist ausschlaggebend für die Verdauung und damit für die Aufnahme jener Stoffe, die den Körper nähren, aufbauen sowie mit Energie und Kraft versorgen. Jeder Teil des menschlichen Organismus und auch die Energie, die benötigt wird, um sich zu bewegen oder um zu denken, waren ursprünglich ein Lebensmittel. Der Körper verwandelt Artfremdes in Körpereigenes. Um die Nährstoffe verwerten zu können, muss der Organismus zunächst Energie aufbringen, um im Verständnis der Traditionellen Europäischen Medizin aus der kalten, feuchten Nahrung nährendes, warmes und feuchtes Sanguis herzustellen. Dieses wird schließlich wieder verbraucht. Die Lebensmittel müssen zuerst auf das energetische Potential des Organismus gebracht werden. Somit beginnt der erste Schritt der Verdauung bereits in der Küche. Die Zubereitung der Speisen verändert deren humorale Wärmequalitäten. Dies erfolgt etwa durch Würzen, Säuern oder Kochen.

Die Traditionelle Europäischen Medizin bezeichnet alle Stoffwechsel- oder Reifungsvorgänge als Kochung. Die Kochung (Coctio) der Nahrungsmittel ist Voraussetzung für die Bildung der Säfte. Diese Humores sind nicht als Körperflüssigkeiten zu verstehen, sondern sie sind Kräfte, die im Körper wirken. Bei den genannten Organen ist nicht das Organ im modernen Sinne gemeint, sondern seine funktionelle Einheit. Erst durch die Erhöhung der humoralen Qualität der Speisen können diese verdaut werden. Wie viel physiologische Wärme nun für die Kochung nötig wird, hängt der Temperamentenlehre folgend, von dem individuellen Zustand eines Menschen ab.

Die physiologische Umwandlung erfolgt nach der Traditionellen Europäischen Medizin in vier Schritten:

Die erste Coctio beginnt mit der Zerkleinerung der Nahrung im Mund und danach mit dem Aufschließen im Magen. Denaturierung bedeutet im ursprünglichen Sinn, dass den zugeführten Speisen ihre Natur entzogen wird. Dazu benötigt der Magen viel Kraft und Wärme und wird dabei durch die anliegenden Organe unterstützt. Der Magen steuert den Verdauungsprozess und bringt die energetische Aufwertung in Gang. Der entstandene Nahrungsbrei „Chylus“ wird in den Dünndarm transportiert, dort materiell aufgelöst; die Nährstoffe werden resorbiert. Unnatürliche Stoffe wie raffinierte Lebensmittel, Konservierungs- und Farbstoffe können durch Denaturierung und Chylifikation nicht überwunden werden. Ihnen kann die Natur nicht entzogen werden. Derartige Stoffe wirken daher ungünstig bis giftig auf den Organismus.

Sind die Schleimhäute überwunden, erfolgt die zweite Coctio des Chylus in den Mesenterial- und Pfortadergefäßen sowie in der Leber. Durch weitere Wärmeeinwirkung vollzieht sich die zweite Kochung. Die Leber verleiht dem Chylus die Individualität des jeweiligen Organismus. Das dabei entstandene rohe Blut nährt die Leber, der größte Teil wird in den Körper transportiert. Bei diesem Vorgang entstehen aus dem rohen Sanguis als Nebenprodukt Ausscheidungssäfte, welche aufsteigen (Chole) und solche, die erdig sind und absinken (Melanchole). Beide werden über die physiologischen Ausscheidungsorgane Leber und Milz eliminiert. Für Phlegma jedoch existiert kein physiologisches Ausscheidungsorgan. Daher muss es durch Wärmeeinwirkung vollständig in Sanguis umgewandelt werden, sonst wirkt es pathologisch kalt und feucht im Organismus.

Die dritte Coctio und die Bildung von vollendetem Sanguis erfolgt im Gewebe, dort wo es benötigt wird. Im Kapillarnetz bildet sich durch den Einfluss physiologischer Wärme das Blut und ermöglicht so die Versorgung des Körpers. Die bei dieser Gewebetätigkeit entstehenden Überschussstoffe werden von den Zellen in den Zellzwischenraum (Interstitium) abgegeben. Die extrazelluläre Flüssigkeit durchzieht alle interzellulären Räume des Organismus und erreicht jede Zelle. In jedem Fall stellt sie die „Transitstrecke“ für alle Stoffe und Informationen dar, welche die Zelle erreichen sollen. Stoffwechselendprodukte werden schließlich über Lymph- und Blutkapillaren abtransportiert, um ausgeschieden zu werden. Fehlt es an physiologischer Wärme, kann das Blut nicht gebildet, Stoffwechselprodukte nicht mehr regulär abtransportiert werden. Sie reichern sich im Bindegewebe an. Diese Primärsäfte entstehen nach abgeschlossener Kochung und werden als Nährsäfte bezeichnet. Sekundärsäfte sind Ausscheidungssäfte und können durch pathologische Abläufe bei jedem Kochungsschritt entstehen. Sie haben keine physiologische Bedeutung, können jedoch Grundlage für die Entstehung von Krankheiten sein.

Die vierte Coctio erfolgt im Dick- und Mastdarm. Das Wasser und die Schleime, die während der ersten Coctio in den Magen und Darm abgesondert wurden, müssen getrennt behandelt werden, einschließlich möglicher Schadstoffe. Während das Wasser wieder rückgeführt wird, müssen alle anderen Stoffe ausgeleitet werden. Liegt eine Schwäche in der Trias Lymphsystem-Schleimhaut-Symbiontenflora und damit dem Türsteher vor, versucht der Körper zu kompensieren. Entweder er probiert mit einer verstärkten Ausscheidung von Wasser und Schleim das Problem in den Griff zu bekommen (Durchfall) oder er resorbiert verstärkt (Verstopfung). Auch andere Wege wie Hitzeerscheinungen (Entzündungen) sind möglich. Funktioniert das System Darm perfekt, so endet die Verdauung mit dem Absetzen des Stuhls völlig sauber.

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Autorin und ©: Mag.a pharm. Dr.in Gabriele Kerber-Baumgartner

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"Traditionelle Medizin weltweit ist eine Möglichkeit, in einer Welt, die zusammenwächst, Gesundheit für alle Menschen zu ermöglichen. Dies wird in einer integrativen Form stattfinden, konventionelle Medizin zusammen mit traditioneller Medizin. Dieser Verein, bei dem ich Mitglied bin, soll diesen Prozess unterstützen."