Autor: Helmut Wittmann

  • Die vollen Beeren der Hollermutter

    Die vollen Beeren der Hollermutter

    Alles am Holunder ist Medizin, heißt es in alten Überlieferungen. Drum zieht man vor einer Holler-Staude auch den Hut. »Rinde, Beere, Blatt und Blüte, jeder Teil ist Kraft und Güte, jeder Teil ist segensvoll!« heißt es.

    Im Herbst wartet uns die Holundermutter vor allem mit den schwarzen Beeren auf. Nebenbei bemerkt hat aber auch der rote Holunder viele segensreiche Wirkungen.


    Wolf-Dieter Storl geht in seinem Buch »Die Pflanzen der Kelten« ausführlich auf die märchen~haften, magischen und kulturgeschichtlichen Aspekte des Holunders ein.

    Viele praktische Anwendungen des Holunders beschreiben Siegrid Hirsch und Felix Grünberger ihrem umfassenden Band »Die Kräuter in meinem Garten« – vom Holunderblüten-Wasser bis zur Holunder-Karotten-Marmelade. Wohlschmeckend und einfach zu machen ist z. B. der Holunderbeersirup:
    Dazu werden 900 g reife Holunderbeeren, natürlich ohne Stängel, mit einer Tasse Wasser in einem Topf gekocht, bis draus ein guter Saft geworden ist. Das Ganze wird durch ein Sieb gegossen. Der reine Saft wird dann noch eine Stunde mit 5 Nelken, einem Stück Ingwer und 225 g Zucker gekocht. Der reine Saft wird dann in Flaschen oder Gläser gefüllt und kalt gestellt.
    Im Winter kann der Saft verdünnt, mit Wasser oder auch Sekt ;-{) als genussvoller Durstlöscher und Vitamindrink getrunken werden.


    Hier das Rezept der lieben Frau Wittmannin für den Hollerröster. Zusammen mit Grießschmarrn, Topfenknödeln oder auch Vanilleeis ist der bei uns eine herbstliche Leibspeise:
    Die Zutaten:

    • 1 kg Holunderbeeren
    • ¼ kg Zucker
    • 1 Msp. Zimtpulver
    • 1 Msp. Nelkenpulver
    • Zitronenabrieb von einer halben Bio-Zitrone
    • 1/2 Päckchen Vanillepudding

    Den Holunder von den Stielen abrebeln und gut waschen. Mit dem Wasser, Zucker, Zitronenabrieb und den Gewürzen zum Kochen bringen. Rund 15 Minuten köcheln lassen. Das Puddingpulver mit 3 Esslöffeln Wasser glatt anrühren, in den heißen Holler einrühren und solange einkochen, bis der Röster cremig ist.

    Man kann auch noch Birnen, mehlige Äpfel oder Zwetschken mitkochen. Säuerliche Zwetschken passen besonders gut zur süßen Fülle des Holunders.
    Das Rezept stammt aus dem Band »Das Geschenk der zwölf Monate – Märchen, Bräuche und Rezepte im Jahreskreis«, Tyrolia Verlag, Innsbruck. Darin ist auch das überlieferte Zaubermärchen »Die Holundermutter« zu lesen.

    Ab Donnerstag, 29. August 2024, 17 Uhr, gibt’s im Podcast »Geschichten~weise Premium« das Märchen von der »Hollermutter« zu hören.

  • Heute ist die Johannisnacht!

    Heute ist die Johannisnacht!

    Die Johannisnacht ist ganz besonders sagenumwoben. In ihr zeigen sich Schätze an, die sonst das Jahr über verborgen sind. Vor allem aber blüht in dieser Nacht der Farn, die sogenannte »Teufelsfeder«. Sie soll unsichtbar machen. Und wer sie zum eigenen Geld steckt, hat immer eine volle Geldtasche. Kein Wunder, dass sich um die Teufelsfeder etliche Sagen ranken.

    Eine davon ist im Band »Das Geschenk der zwölf Monate – Märchen, Bräuche und Rezepte im Jahreskreis« nachzulesen. Da steht auch noch mehr über Brauchtum und Rituale zur Sommersonnenwende.

    Zu dieser Zeit beginnt auch das Johanniskraut zu blühen. In ihm wirkt so viel Sonnenkraft, dass es in der Medizin gerne als Stimmungsaufheller für trübe Tage verwendet wird. Ein Strauß Johanniskraut über der Haus- oder Wohnungstür dient als Abwehrzauber gegen unerfreuliche Schwingungen.


    Manche binden gleich einen ganzen »Sonnwendbuschen«. In den kommen zum Johanniskraut noch Pflanzen wie die Kornblume, Frauenhaar (Zittergras), Eichenblätter, Glockenblume, Roter Klee, Heckenrose, Holunder, Knäuelgras, Margerite, Lindenblüten, Frauenmantel und der Ehrenpreis (Nebnaus). Die Zusammensetzung dieses mächtigen Straußes ist von Region zu Region unterschiedlich. Das Eichenlaub bewahrt vor Blitz, das Frauenhaar vor Hagel, der Nebnaus sorgt dafür, dass das Unwetter »nebenaus« vorüberzieht, und das Johanniskraut taucht das alles in sein sonniges Licht.
    Im »Sunnawendbuschen« helfen die Kräuter also auf ihre Art zusammen, um Unheil abzuwehren und das Glück im Haus zu bewahren.

  • Sagenhaft wandern im Salzkammergut

    Sagenhaft wandern im Salzkammergut

    Autoren: Helmut Wittmann & Sabina Haslinger
    Verlag: Servus Verlag
    ISBN-13: 13 9783710403545
    Erhältlich: im stationären Buchhandel, online

    Sagenhaft wandern im Salzkammergut

    Sagenwanderung im Salzkammergut: Auf romantischen Pfaden zu Almen und Bergseen

    Das Salzkammergut ist reich an Sehenswürdigkeiten und an Sagen. Dieses wunderbar bebilderte Buch hält Wander- und Ausflugstipps für große und kleine Entdecker bereit. Über Almen, zu Gipfeln und Seen geht es zu geheimnisvollen Plätzen und verwunschenen Winkeln. Und durch uralte Landschaften zu mystischen Orten: Dorthin, wo die schöne Sennerin den Teufel abwehrte oder der Wassermann half, das Salz zu finden.

    • Der besondere Wanderführer: Mit Mythen und Sagen durch das Salzkammergut in Österreich
    • Ausgewählte Wandertouren: In drei Schwierigkeitsgraden durch Täler und auf Berge
    • Natürliche Sehenswürdigkeiten: Glasklare Seen und grandiose Bergpanoramen
    • Ausflugsziele im Salzkammergut: Auf den Spuren von Drachen, Riesen und Nixen
    • Eindrucksvolle Fotografien und QR-Code zum Abrufen der Wanderrouten unterwegs

    Urlaub im Salzkammergut: Wanderführer auf den Spuren österreichischer Sagen

    Ob Dachstein, Ischler Land oder Traunsee – sie alle bieten traumhafte Wanderwege und sagenumwobene Legenden. In diesem Wanderbuch führt Sie das Autoren-Duo Helmut Wittmann und Sabina Haslinger auf ausgewählten Routen in drei Schwierigkeitsgraden durch das Salzkammergut. Dabei erzählen sie auch viel über die Kultur und die Geschichte dieser einzigartigen Region. Erfahren Sie von den beiden Märchenerzählern mehr über Nixen, Riesen und Drachen. Und lassen Sie sich von Sternsteinen und Wunderbäumen verzaubern.

    Entdecken Sie verwunschene Orte und brechen Sie in ein sagenhaftes Wander-Abenteuer auf!

    Über die Autoren:

    Helmut Wittmann
    Helmut Wittmann lebt in Grünau im Almtal und ist seit mehr als 30 Jahren als Märchenerzähler tätig. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu alpenländischen Märchen und Sagen.

    Sabina Haslinger
    Sabina Haslinger ist seit 2008 als Wander- und Schneeschuhführerin in Oberösterreich tätig. Neben dem Entdecken der Natur legt die ausgebildete Kräuterpädagogin und Märchenerzählerin auf ihren Wanderungen besonderen Wert auf heimische Geschichten und traditionelles Jodeln.

    Weitere Informationen zum Buch:
    https://www.beneventopublishing.com/servus/produkt/sagenhaft-wandern-im-salzkammergut/

  • Jetzt blüht der Himmelschlüssel-Wein!

    Jetzt blüht der Himmelschlüssel-Wein!

    Nach einer alpenländischen Sage ist diese Blume der Schlüssel zum Himmel auf Erden. Wolf-Dieter Storl erzählt, dass die Göttin Freya der Überlieferung nach mit ihr das Jahrestor aufschließt und den Lenz hereinlässt. Ein Grund mehr, sich nicht nur an ihrem Anblick zu erfreuen, sondern sie auch zu verkosten. Wer dazu auch ein wenig Geduld mitbringt, dem/der sei der Schlüsselblumen-Wein empfohlen.

    Das Rezept hat mir der »Elch«, der Kaltenböck Hans, vor ein paar Jahren »vermacht«. Ich hatte mich im Dorfbeisl kaum zum Stammtisch gesetzt, da stellte er mir eine Flasche mit einem »Noagal« – also einem Restl – hin und fragte: »Wås glaubst wås des is?« Auf mein »Was soll des denn sein?«, meinte er: »Kost‘ halt amoi!«. Es stellte sich nämlich heraus, dass keiner von den anderen am Tisch kosten hatte wollen. Ich kannte und schätzte den Hans. Also habe ich gekostet. Unmittelbar davor entstand dieses Foto:

    Man kann sich gut vorstellen, dass dieses Kosten begleitet von fragenden und neugierigen Blicken der Anderen am Stammtisch stattfand. »Und?«, war die Frage. Ich war sehr angenehm überrascht. »Guad!«, sagte ich, »Wirklich guad!« – »Gell, då schaut‘s!«, meinte der »Elch« mit Triumpf in der Stimme zu den Anderen rundum: »Des is nix Schlecht’s!«

    Zu mir gewandt meinte er dann: »Und? Wås is’s?« – »Keine Ahnung«, sagte ich, »aber es schmeckt wirklich net schlecht.« – »Va mir kriagst a nix Schlecht‘s.« sagte der »Elch«. Nach einer Weile und einigem Nachfragen rückte er dann doch damit heraus: »Ein Himmelschlüssel-Wein is’s! – Gell, då schaut‘s!«, meinte er noch in die Stammtisch-Runde. Und weil mir der Himmelschlüssel-Wein so gut schmeckte, deshalb hatte ich von da an umso mehr einen Stein im Brett beim »Elch«.

    Wobei als »Elch« haben ihn alle gekannt. Alle haben von ihm als »Elch« geredet. Ihn selber durfte man aber nicht als »Elch« anreden. Das wollte er nicht hören. Im persönlichen Gespräch war er immer der Hans. Leider ist der Hans vor ein paar Jahren von uns gegangen.

    Natürlich wird auch künftig das erste 8tel vom Himmelschlüssel-Wein auf das Wohl vom Hans getrunken.

    Aber zuerst muss der Himmelschlüssel-Wein erst einmal gemacht werden. Dabei eins vorweg: Hier im Tal gibt es noch viele Stellen wo Schlüsselblumen in großer Menge vorkommen. Das ist leider nicht überall so. In vielen Gegenden ist die Schlüsselblume gefährdet und deshalb geschützt. Wir pflücken nur an Standorten, wo sehr viele Schlüsselblumen vorkommen, einige davon. Die Schlüsselblumen für den Wein kommen von 5 bis 7 verschiedenen Wiesen und Waldungen. Es wäre zu schade, wenn diese wunderschöne Frühlingsblume aufgrund menschlicher Gier verschwinden würde. Die Schlüsselblumen sind auch Nahrung für viele Insekten.

    Für uns gilt deshalb beim Sammeln: Ist in der Blüte ein Käfer zu sehen, dann ist sie tabu. Wer möchte schon eine fremde Wohnstatt entführen.

    Trotzdem kommen beim Sammeln unvermeidlich etliche Käfer mit. Wir lassen die Blüten deshalb vor der Verarbeitung am Gartentisch etwas »rasten«. So haben die Käfer eine Chance zu übersiedeln – und nutzen die auch gerne.

    Rezept:

    Die Zutaten sind:

    • 1 L Blüten der Himmelschlüssel
    • 1 L reines Quell- oder Leitungswasser
    • 1/2 Zitrone in Scheiben
    • 500 g Zucker
    • 1/4 Pkg. frische Hefe

    Die Blüten kommen in ein großes durchsichtiges Glas. Wir nehmen meist eines mit Glasdeckel und Bajonettverschluss – aber ohne den Gummi. In das Glas geben wir auch die geschnittene Zitrone, den Zucker, die Hefe und das Wasser. Das alles wird mit einem hölzernen Kochlöffel gut vermischt. Danach wird das Glas in den kühlen Keller oder eine Speisekammer gestellt. Jeden Tag wird einmal ordentlich umgerührt.

    Ursula stellt das Glas übrigens in einen Kübel. So kann auch nicht groß was passieren wenn das Glas übergehen sollte.

    Ist die Woche um, dann wird der Inhalt des Glases durch ein Tuch abgeseiht und gut ausgepresst. Der so gewonnene Schlüsselblumen-Saft kommt in ein Gärfaß. Hier sorgt der Gärspund dafür, dass unerwünschte Luft draussen bleibt. Jetzt braucht es Geduld.

    6 bis 8 Wochen sollte man der Gärung schon geben. Ist sie abgeschlossen, dann wird der Wein in kleine Flaschen gefüllt. Ideal sind Flaschen mit Bügelverschluss. Ist der Verschluss nämlich zu dicht, dann kann es die Flaschen zerreissen. Wichtig: Der Satz, der sich bei der Gärung am Boden bildet, darf natürlich nicht mit abgefüllt werden. Das ruiniert den guten Wein. Auch hier ist also weniger mehr – an Geschmack! Wohl bekomm‘s!

    Der Hans Kaltenböck hat immer weniger mit dem Kopf und mehr nach Gespür gearbeitet. Gut so. Für alle, die es genau wollen: Ein detailiertes Rezept ist in dem sehr empfehlenswerten Band »Die Kräuter in meinem Garten« von Siegrid Hirsch & Felix Grünberger, erschienen im Freya Verlag, zu finden.

    Wer lieber statt dem Wein einen alkoholfreien Himmelschlüssel-Sirup ansetzen möchte, findet das Rezept dazu in unserem Band »Das Geschenk der zwölf Monate – Märchen, Bräuche und Rezepte im Jahreskreis«. Da ist auch die alpenländische Sage »Vom Schlüssel zum Himmel« zu lesen.

  • Gedanken über Märchen als Kraftquelle für den Alltag.

    Gedanken über Märchen als Kraftquelle für den Alltag.

    Von der grantigen Schicksalsfrau und ihrem Geschenk …

    Das Schöne an Märchen ist, dass sie in klaren Bildern schnurstracks auf das Wesentliche eingehen. Genau deshalb werden diese Geschichten seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, erzählt. Natürlich sind sie auch kulturhistorisch interessant, und natürlich haben sie auch einen nostalgischen Charme. Entscheidend aber ist, dass sie grundlegende menschliche Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen auf den Punkt bringen.

    Zuallererst wird im Märchen immer ein existenzielles Problem aufgezeigt. Die Heldin oder der Held der Erzählung merkt: So kann es nicht mehr weitergehen! Es muss etwas geschehen. Es gilt eine Lösung zu finden.

    Damit beginnt die eigentliche Geschichte. Nehmen wir eben als Beispiel das Volksmärchen »Von der grantigen Schicksalsfrau«1

    Für alle, die mit österreichischer Mundart nicht so bewandert sind, eines vorweg: Ein Grant ist ein Ärger. Und eine grantige Schicksalsfrau wünscht sich kein Mensch. Aber wenn eine Erzählung schildert, wie man mit einer grantigen Schicksalsfrau umgehen kann, um sie milde und wohlwollend zu stimmen, dann ist das karmisch gesehen eine wirklich brauchbare Geschichte.

    Der Inhalt des Märchens kurz zusammengefasst:

    Eine verarmte Prinzessin erfährt, dass sie offenbar ein »Unglücksrabe« ist. Schlimm genug, dass ihr Leben unter diesem tristen Vorzeichen steht. Offenbar hat sie das Unglück auch schon über ihre Familie gebracht. Schnell entschlossen packt sie ihre Sachen und bricht auf. Zum einen will sie die Familie nicht weiter mit hineinziehen in ihr eigenes Unglück. Zum anderen will sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und das Ganze zum Glücklichen wenden.

    Dabei muss sie aber schnell feststellen, dass ihre Schicksalsfrau eine bösartige Alte ist, die ihr immer und überall hin folgt. Die wird sie so schnell nicht los, denn die verbitterte Alte ist überhaupt nicht bereit von ihrem »Opfer« abzulassen. So sehr unsere Heldin auch gegen ihre Schicksalsfrau ankämpft: Es hilft alles nichts. Immer wieder setzt sich die Alte durch und macht erbarmungslos klar, wer hier das Sagen hat. Wer selbst schon erfahren hat, wie massiv familiäre Prägungen und Gewohnheiten wirken können, entdeckt in diesem Märchen schnell ein Stück Lebensalltag. Unsere Heldin weiß in ihrer Not schlussendlich nicht mehr aus und ein.

    Da trifft sie am Weg Franziska. Die ist eine einfache Wäscherin. Eine Frau also, die gewohnt ist Tag für Tag vieles sauber zu machen und zu bereinigen. Und – wie so oft im Leben – bringt diese scheinbar unbedeutende Begegnung die Wende. Denn Franziska weiß, wie man mit einer Schicksalsfrau umgeht. Nicht das Aufbegehren und der Kampf helfen weiter. Es gilt die verbitterte Alte milde zu stimmen. Das geschieht freilich nicht von heute auf morgen. Dazu braucht es Geduld und einen langen Atem. In anschaulichen Bildern zeigt das Märchen wie einfühlsam sich unser »Unglücksrabe« um die eigene Schicksalsfrau annimmt. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Aus der verhärmten Alten wird nach und nach eine strahlende Schöne.

    Das Märchen setzt aber noch eins drauf:

    Die so verwandelte Schicksalsfrau hat für unsere Heldin ein Geschenk. Auf den ersten Blick steckt hinter dieser vermeintlichen Kostbarkeit eine große Enttäuschung. Ja, die Heldin fragt sich, ob die Schicksalsfrau mit ihr nicht einmal mehr ein böses Spiel treibt. Erst in der Lebenswirklichkeit stellt sich heraus, dass dieses Geschenk das fehlende Stück zu ihrem Glück ist.

    Freilich ist das nur ein Beispiel von vielen Märchen, die die Entwicklung eines Menschen schildern, der unter einer Situation leidet, zu einem Menschen, der gelernt hat mit dem eigenen Schicksal umzugehen und es glücklich zu meistern – ein beeindruckendes Frauenmärchen.

    Ein männliches Pendant ist das Märchen »Vom Burschen, der zur Sonne gegangen ist«**

    Da taumelt einer kraftlos durchs Leben. Ein kleiner Stier, also die wilde Urkraft, regt ihn an, sich aufzumachen, um von der Sonne Kraft für sein Leben zu bekommen. Am Weg gilt es allerdings einiges für Andere zu tun. Sein Glück, dass er sich darauf einlässt. Deshalb hat auch seine Reise Erfolg.

    Immer wieder schildern Märchen die unterschiedlichsten Probleme und Herausforderungen, die sich im Leben ergeben können. So eindringlich Märchen aber auch die missliche Lage ihrer Protagonisten schildern, so fantasievoll und klar deuten sie auch die Wege zur Lösung dieser Probleme an.

    Die Heldinnen und Helden des Märchens zeigen anschaulich auf, dass und wie es gelingen kann über sich hinauszuwachsen. Selbst in den schlimmsten Situationen taucht – oft unverhofft – Hilfe auf und der rettende Weg tut sich auf. Entscheidend ist dabei dass die Heldin oder der Held sich selber treu bleiben.

    Man denke nur an das burgenländische Märchen »Armreich und Schmerzenreich«***. Da lässt die Mutter ihrer eigenen Tochter die Hände abhacken. So entsetzlich das auch ist: Selbst hier findet die Geschichte zu einem glücklichen Ende. Bei aller Grausamkeit zählt vor allem die Botschaft, die zwischen den Zeilen hervorschreit: Wenn ein Mensch in einer derart furchtbaren Situation noch zu einem glücklichen Leben finden kann, dann lohnt es sich – mit Blick auf schwierige Situationen im eigenen Leben – nicht in Selbstmitleid zu verfallen, sondern die Lösung entschlossen anzugehen.

    Natürlich verlangen unterschiedliche Lebenssituationen nach unterschiedlichen Geschichten. Wer fühlt sich nicht hin und wieder geringgeschätzt wie Aschenputtel, oder überfordert, weil jemand meint, man könne und solle Stroh zu Gold spinnen. Auch die Trauer über den Verlust von Familienmitgliedern und Freunden wird im Märchen angesprochen, sei es ganz direkt, wie im steirischen Volksmärchen »Vom Hahnengiggerl« oder bildhaft im Kärntner Zaubermärchen »Vom roten Apfel«.

    Fertige Antworten geben Märchen keine, aber jede Menge Anregungen mit der jeweiligen Situation umzugehen. Deshalb gibt es ja auch diese Fülle von Märchen. Verpackt in archetypischen Bildern und Gestalten werden die unterschiedlichsten Lebenssituationen anschaulich dargestellt. Wie beim Essen heißt es dann selbst zu entdecken was einem schmeckt und gut tut – und was nicht. No na!

    Aber eins gilt wohl für alle Menschen und macht das Wesen dieser Überlieferungen aus:

    Wer Märchen immer wieder einmal auf sich wirken lässt merkt schnell, dass diese Geschichten erstaunliche Kraftquellen eröffnen.

    Dabei geht es natürlich nicht darum aus einer vermeintlich rauen Wirklichkeit in zuckersüße Fantasiewelten zu flüchten, sondern darum, mit geistiger Wendigkeit aus einer reichen Fantasie heraus den Alltag zu gestalten.

    1 Dieses Zaubermärchen ist im Hörbuch »Von einem, der träumte ein Schmetterling zu sein. Oder umgekehrt!?« und auf www.maerchenerzaehler.at unter »Programme« bei »Zum Reinhören« zu hören.

    ** nachzulesen im Band »Das Geschenk der zwölf Monate – Märchen, Bräuche und Rezepte im Jahreskreis«

    *** nachzulesen im Band »Von Drachenfrau und Zauberbäum – Das große österreichische Märchenbuch«